Maria Trunschke - Spurensuche mit meiner Mutter, Kapitel 1 Elternhaus und Kindheit

Elternhaus

Geburtshaushaus
Geburtshaus
Das Geburtshaus meiner Mutter steht nicht mehr. Es wird als einziges Haus in Zaue (niedersorbisch: Cowje) im Krieg zerstört. Der aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirchturm mit seinen 1,60 Meter breiten Mauern, der eigentlich getroffen werden sollte, bleibt unversehrt. In dem neuen Haus, bei dessen Bau das ganze Dorf für kaum mehr als die Beköstigung hilft, wohnt noch immer die jüngste Schwester meiner Mutter, meine Tante Irmgard, mit ihrer Tochter und deren Lebensgefährten sowie deren Kindern.

In dem Bauernhaus am Ende von Zaue, einem kleinen Ort am Schwielochsee, wird meine Mutter am 27. März 1929 als mittlere von drei Töchtern geboren. Hausgeburten sind damals üblich, lediglich in größeren Orten gibt es Krankenhausgeburten. Eigentlich ist sie nicht das zweite, sondern erst das dritte Kind, aber ihr Bruder lebt nur wenige Stunden. Das ist sehr schwer für den Vater.

Ich denke für meine Mutter auch, aber das stand damals nicht im Vordergrund. Zu der Zeit war es ja noch so, dass man sich vor allem auch einen Jungen als Erben wünschte, und nun war dieser einzige Junge tot. Ich kann mich noch an das kleine Grab auf dem Hof erinnern. Fritzchens Ruhestätte. Mehr weiß ich nicht, denn darüber wurde einfach nicht geredet.

Aber an meine Hebamme kann ich mich noch erinnern. Sie saß immer kerzengerade auf ihrem Fahrrad und hatte ihr Schwesterntracht an und die Haube auf. Sie kam aus Goyatz und war für die ganze Gegend zuständig. Sie hat alle Kinder meiner Eltern entbunden und noch bis in die Fünfziger Jahre gearbeitet. Nach dem Krieg dann als Hebamme im Krankenhaus Lieberose.

Familie Gurran (vl.n.r.: Vater Fritz, Onkel Karl, Schwester Martha, Maria, unbekannt, Großmutter Pauline, Mutter Martha)
Familie Gurran (vl.n.r.: Vater Fritz, Onkel Karl, Schwester Martha, Maria, Cousin Fritz Tausch, Großmutter Pauline, Mutter Martha)
Mit Mutter und Schwester Martha

Mit Mutter und Schwester Martha (Maria auf dem Schoß sitzend)

 

Mit Eltern und Schwester Irmgard

Mit Eltern und Schwester Irmgard (Maria rechts)

 

 

Elternhaus nach Wiederaufbau
Neues Elternhaus
Scheunenbrand
Scheunenbrand
Scheunenbrand
Scheunenbrand

 

Die Eltern

Der Vater Johann Friedrich Gurran
Vater als Soldat in Hamburg
Vater als Soldat in Hamburg
Vater mit Kameraden in Hamburg
Vater mit Kameraden in Hamburg
Vater bei Geschäftspartner in Berlin
Vater bei Geschäftspartner in Berlin

 

 

Friedrich Gurran, von allen nur Fritz gerufen, ist das Älteste von sechs Kindern und hat als einziges von ihnen einen anderen Vater. Im September 1887 geboren, kommt er drei Monate zu spät auf die Welt, um seinen leiblichen Vater, Johann Friedrich Perenz, kennenzulernen, der an Schwindsucht stirbt. Er bekommt dennoch dessen Namen. Seine Mutter, Henriette Karoline Perenz, geborene Mohs, heiratet bald wieder. Mit Gustav Gurran hat sie fünf Kinder.

Obwohl Fritz Gurran also "nur" ein Halbbruder für seine Geschwister ist, wächst er wie das leibliche Kind seines Ziehvaters auf. Mit seinen Geschwistern verbindet ihn eine tiefe Herzlichkeit. Als Ältester erbt er Haus und Hof. Doch Zeit seines Lebens unterstützt er seine Brüder, wo er nur kann. Im Winter, wenn auf dem eigenen Hof wenig zu tun war, verdient er beim Ausheben eines Stichgrabens oder als Handlager beim Kesselnieten in einer Brauerei hinzu. All das ungeachtet einer schweren Verletzung im 1. Weltkrieg durch einen Querschläger, bei dem er fast verblutet wäre. Die Verletzung dich am Rückenmark hinterlässt ein breites, tiefes Loch. An der Stelle hat seine jüngste Tochter ein Mal. Er trägt als Stütze stets einen breiten Gürtel, der ihm Halt gibt. Zeitweilig geht er oft an Krücken.

Selbst also nicht in üppigen Verhältnissen lebend zahlt er die Aussteuer für seinen Bruder Paul, damit der damalige Hauptmann Paul Gurran standesgemäß leben kann und die Erlaubnis zur Heirat bekommt. Seinen Brüdern Karl, Gustav und Wilhelm ermöglicht er das Lehrerstudium. Die Umstände erlaubten es seinen Brüder nie, ihr Vorhaben zu verwirklichen, alles zurück zu zahlen. Sie verdienen zu wenig, müssen selbst eine Familie unterhalten bzw. fallen im 1. Weltkrieg.

Vater mit Schafen
Vater mit Schafen
Jahrelang trägt mein Opa noch den Geburtsnamen Perenz. Doch als seine Brüder Gustav und Wilhelm fallen, beschließt er - um "die Lücke zu schließen" - den Namen Gurran anzunehmen.

Seinen Bruder Paul sieht er nicht oft. Paul Gurran, von dem noch die Rede ist, wird später General und ist oft im Krieg, zumindest aber weit weg, meist in Ostpreußen stationiert. Den engsten Kontakt besitzt mein Opa zu seinem Bruder Karl, der Lehrer in Laubsdorf wird. Mit dem Vater meiner Mutter bleibt von den sechs Kindern nur noch dessen Schwester Marie in Zaue. Sie heiratet in die Familie Zernia ein und wird die Gastwirtin des Ortes. Die 1922 gegründete Gastwirtschaft Zernia gibt es auch einige Jahre nach 1989 noch.

Ich selbst kann mich an meinen Großvater nicht erinnern. Ich bin vier, als er stirbt. Aber ich habe früh großen Respekt vor ihm. Die herrliche Birkenallee, auf der man sich von Ressen aus Zaue nähert, erinnert noch heute an ihn, an Johann Friedrich Gurran, an meinen Opa. Er lässt sie als Ortsvorsteher pflanzen. Als kleiner Junge wünsche ich mir immer, auch einmal so etwas Schönes und Praktisches zu hinterlassen wie diese Allee.

Birkenallee frueher
Birkenallee früher
Birkenallee heute
Birkenallee heute
Mit Vater
Vater auf dem Hof, 1939
Je mehr ich über meinen Opa erfahre, desto mehr bewundere ich ihn. Im späten Alter gebrechlich und verwirrt kann er doch auf eine Lebensleistung verweisen, die man ihm erst einmal nachmachen muss: Zur Unterstützung seiner drei Brüder kommt die Bewirtschaftung und der Erhalt des elterlichen Erbes. Er renoviert das Haus seiner Eltern grundlegend. Als dieses im Krieg zerstört wird, baut er es größer und schöner wieder auf, samt Scheune und Stallungen. Als 1958 die Scheune abbrennt, baut er auch diese wieder auf.

Dabei ist er immer Neuem gegenüber offen, wie meine Mutter zu berichten weiß:

Nicht zuletzt engagiert er sich viele Jahre lang als Ortsvorsteher, die seit der Nazizeit Bürgermeister hießen, und als Standesbeamter für seinen Heimatort Zaue. Er ist ein durchsetzungsstarker Bürgermeister. Das muss er auch sein. Es soll - so erzählt es meine Mutter - viel Krach unter den Bauern gegeben haben.

Die drei Schwestern 1943
Die drei Schwestern 1943
So beeindruckend mein Opa Fritz Gurran für mich aus den Erzählungen heraus ist, er bliebt in vielem auch ein Kind seiner Zeit. Das erfahren seine drei Töchter Martha, Maria und Irmgard sehr nachdrücklich. Der Standesbeamte des Dorfes weigert sich, seine eigenen Töchter ins Standesamtsregister einzutragen, ja, seinen Töchtern überhaupt Namen zu geben. Das übernimmt für ihn sein Bruder Karl, der sich an den Namen der Ehefrauen der drei noch lebenden Brüder hält:

Am Ende ist mein Opa wohl versöhnt mit seinem Drei-Mädel-Haus.

Drei Schwestern 1
Drei Freundinnen
Drei Schwestern 2
Drei Schwestern 1
Drei Schwestern 3
Drei Schwestern 2
Drei Schwestern (mit Tante Marie)
Drei Schwestern (mit Tante Marie)

 

Die Mutter Anna Pauline Martha Gurran
Das Elternhaus der Mutter

Elternhaus der Mutter

(ganz links der Großvater meiner Mutter, August Tausch, stehend Onkel Friedrich und Tante Marie, vor der Tante Cousin Fritz, sitzend Großmutter mit Herta, dann Cousin Alfred, ganz rechts ihre Mutter Martha Tausch (Gurran))

Mutter als junge Frau
Mutter als junge Frau
Mutter beim Waschen
Mutter beim Waschen
Mutter im Alter
Mutter im Alter
Meine Oma, Anna Pauline Martha, eine geborene Tausch, kommt aus Schuhlen (niedersorbisch: Skulin), einem etwa 5 bis 6 km von Zaue entfernten Ort. Bis 1937 heißt der Ort noch Skuhlen, doch Hitler kann mit den aus dem Sorbischen abgeleiteten Ortsnamen nichts anfangen. Goyatz, das noch eine Rolle spielen wird, heißt zu dieser Zeit Schwieloch. Die Mutter meiner Mutter wächst unter sehr armen Bedingungen auf. Sie lebt mit ihrer gesamten Familie und dem Vieh in einer ärmlichen Kate. Neben der Arbeit in der eigenen Landwirtschaft verdingt sich die Familie auf den Gütern der Gegend. Sie selbst ist das jüngste von 6 Kindern des Landwirts August Tausch und seiner Frau Auguste Tausch, geborene Kleinod: Karl, August, Herrmann, Friedrich, Marie und Martha. Als Nachkömmling wird sie von ihren Geschwistern immer ein klein wenig verwöhnt, so wie es die ärmlichen Verhältnisse grad zulassen. Später arbeitet sie als Hausmädchen in Zaue und lernt dort ihren späteren Mann kennen.

Karl, der älteste Bruder meiner Mutter, war ein uneheliches Kind. Darin liegt wohl auch der Grund ihrer Verarmung. Die gesamte Verwandtschaft meiner Mutter lebte nämlich auf der anderen Seite des Sees. Zu der Zeit galten uneheliche Kinder noch als Schandfleck, und so gingen die Eltern meiner Mutter aus ihrer Heimat fort und kauften die kleine Kate (ein Zimmer und eine kleine Küche) in Schuhlen. Dort haben sie auf einem fremden Gut gearbeitet, um sich und die Familie ernähren zu können.

Wie genau meine Eltern sich dann kennenlernten weiß ich leider nicht, aber dass die Mutter meines Vaters gegen die Hochzeit war, schon. Meine Oma wollte nicht, dass er so arm heiratete. Aber die Brüder Karl und Paul haben schließlich auf sie eingeredet. Welche Frau sollte denn Johann schon wollen, da er doch so verletzt war. Später konnte er wieder laufen, aber als es ums Heiraten ging, litt er noch an seinen Verletzungen aus dem Krieg. Sie durften dann letztendlich doch heiraten, aber Mutter wurde von meines Vaters Mutter stets sehr hässlich behandelt. Ich selber habe das gar nicht so wahrgenommen, da ich ja selten zu Hause war, aber meine Schwestern haben es mir später erzählt.

Grab der Mutter
Grab der Mutter
Grab der Mutter
Grab der Mutter

Schwestern

Es sind drei Schwestern, die sich mal besser, mal weniger verstehen:

Später, als Erwachsene, bleiben sie immer in engem Kontakt.

Mit ihrer Schwester Irmgard unternimmt meine Mutter auch kleine sportliche Exkursionen. Einmal, ein einziges mal schwimmt sie über den Schwielochsee, von Zaue nach Jessern zum Babenberg. Ihre Schwester begleitet sie im Kahn - und macht sich mächtig Sorgen: "Komm in Kahn, komm in Kahn, du bist ganz rot."

Spielen und Arbeiten

Ganz allein die Kühe hüten
Ganz allein die Kühe hüten
Mit Schafen (und Schwester Irmgard)
Mit Schafen (und Schwester Irmgard)
Meine Großeltern haben einen eher kleinen Hof, eine früher so bezeichnete Büdnerei.

Das bedeutet, dass die drei Mädchen Martha, Maria und Irmgard früh mitarbeiten müssen. Dabei müssen sie auch schwere und schwerste Arbeiten verrichten, dem Vater die Söhne ersetzen, wie meine Mutter berichtet:

Ich war außerdem für das Brotbacken zuständig, während meine Schwester Martha Kuchen backen durfte. Damals haben wir noch richtiges Sauerteigbrot gebacken. Zehnpfünder! Der Teig wurde in riesigen Trögen angesetzt und dann ging es ans Kneten. Das war Knochenarbeit. Und auch sonst gab es jede Menge zu tun. Vieh hüten, füttern, Getreide mähen ... Viele Freiräume hatten wir nicht gerade, und dennoch gab es auch immer wieder viel zu lachen. Wir kannten es ja auch gar nicht anders, alle Kinder und Jugendlichen im Dorf mussten zu Hause anpacken.

 

Heumachen
Heuernte 1
Heuernte
Heuernte 2
Heuernte
Heuernte 4
Heumachen
Heuernte 3
Heuernte
Heuernte 5

 

Doch bald beginnen die "Wanderjahre" meiner Mutter. Sie verlässt immer mal wieder für kürzere und längere Zeit das Haus ihrer Eltern.