Maria Trunschke - Spurensuche mit meiner Mutter, Kapitel 2 Wanderjahre und Schulzeit

Bei Onkel und Tante

Mit den Schwestern Martha und Irmgard sowie Tante Marie
Mit den Schwestern Martha
und Irmgard sowie Tante Marie
Onkel Karl Gurran
Onkel Karl Gurran

"Wanderjahre", so könnte man die ersten Lebensjahre meiner Mutter umschreiben. Sie verbringt viele Monate nicht bei ihren Eltern, sondern in der Familie ihres Onkels Karl Gurran, mit der sie einige Ortswechsel mitmacht, oder bei anderen Verwandten. Zuletzt wohnt sie mit Onkel Karl und Tante Marie in Laubsdorf (Libanojce) bei Cottbus. Karl Gurran bedankt sich auf diese Weise für die erhaltene Unterstützung bei seinem Bruder. Gleichzeitig erhalten die bis dahin kinderlosen Eheleute den ersehnten Lebensmittelpunkt.

Ich war fast nie zu Hause, als kleines Kind. Die schönsten Erinnerungen habe ich mit meinem Onkel und meiner Tante aus Laubsdorf erlebt. Nachdem meine Schwester Irmgard geboren wurde, habe ich bei ihnen einen großen Teil meiner Kindheit verbracht, vielleicht den schönsten Teil. Denn hier stand ich voll und ganz im Mittelpunkt, da sie selbst leider bis dahin kinderlos geblieben waren. Mein Cousin Dieter kam erst viel später zur Welt. Mit ihnen konnte ich im Bett kuscheln, und sie hatten immer Zeit für mich. Während bei uns zu Hause die Landarbeit im Mittelpunkt stand, legten Onkel und Tante sehr viel Wert auf Kultur. Ich denke, das mein Interesse an Kultur und Geschichte, vor allem durch diese Erlebnisse in meiner Kindheit geprägt wurden.

Für meine Mutter ist es die prägende Zeit, deren Spuren sich bis ins hohe Alter bewahrt haben. Schon die familiären Umgangsformen unterscheiden sich grundsätzlich von denen in Zaue:

An ein Weihnachtsfest bei Onkel und Tante kann ich mich noch besonders erinnern. Da nahm der Weihnachtsmann doch tatsächlich die Puppe aus dem Sack, die ich mir erst kurz zuvor in Cottbus im Schaufenster ausgesucht hatte. Das kannte ich von zu Hause nicht, dass ich mir etwas aussuchen konnte, und dann bringt mir das der Weihnachtsmann. Das war einerseits unglaublich toll und andererseits auch ein bißchen unheimlich für mich. Letztendlich hat die Freude jedoch überwogen, und ich habe die Puppe fast gar nicht mehr aus den Händen gelegt.

Mit Puppe und Hund
Mit Puppe und Hund
Weihnachtsgeschenk
Weihnachtsgeschenk 1934
Im Garten 1
Im Garten 1
Im Garten 2
Im Garten 2
Mit Hund
Mit Strolch

 

Auch wenn sie nicht gerade in Laubsdorf ist, ist meine Mutter kaum zu Hause. Sie verbringt dann viel Zeit in Lübben bei ihrer anderen Tante Marie:

Mit ihr konnte ich mich wunderbar streiten und dann gab es da auch diese herrlichen Bananbrote. Das waren eigentlich ganz normale Stullen mit Butter. Aber dann wurden dort Bananenscheiben draufgelegt und das Ganze bekam diese besondere Note. Auch das kannte ich von Zuhause nicht. Heute würde ich keine Bananenbrote mehr essen, aber damals waren das prägende Esserlebnisse. In Lübben hatte ich auch zwei Freundinnen, mit denen ich viel gespielt habe.

Mit Cousin Dieter Gurran
Mit Cousin Dieter Gurran
Letztendlich war es jedoch die Zeit in Laubsdorf, die meine Mutter als die schönste und prägendste Zeit ihrer Kindheit empfindet. Bis heute schwärmt sie davon. Auch in späteren Jahren fährt sie immer wieder nach Laubsdorf. Zu Onkel und Tante, aber auch zu ihrem Cousin Dieter, der ...  geboren wird.

 Das war schon was anderes als immer die Schwestern zu Hause. Mit Dieter hab ich stets viel Zeit verbracht, wir haben viele Streiche ausgeheckt. Bis zu seinem Tod 20.. hatten wir ein enges Verhältnis zueinander.

In Laubsdorf geht meine Mutter auch in die Schule, wenn auch nur für kurze Zeit:

Lesen, lesen, lesen

Aus der Lehrerfamilie bringt meine Mutter eine unbändige Leidenschaft mit, die sie sich bis heute bewahrt hat: das Lesen - und bringt damit ihre bäuerliche, schwer arbeitende Familie an den Rand der Verzweiflung:

Diese Liebe zum Lesen hat sie später auf mich übertragen.

Die Laubsdorfer Lehrerfamilie bringt ihr noch eine andere Kulturform nahe, das Theater. Auch 75 Jahre danach kann sich meine Mutter noch genau an ihren ersten Theaterbesuch erinnern:

Auch hier gilt, dass meine Mutter bis heute, da sie über 80 Jahre alt ist, gern ins Theater geht.

Schulzeit 

Passfoto
Passfoto
Meine Mutter geht gern zur Schule. Und sie ist gut, in Zaue die Beste - was sie später gern einmal meinem promovierten Vater unter die Nase reibt, der wohl nicht so traurig darüber ist, dass sein Schulzeugnis in den Kriegswirren verloren ging.

Schule auf dem Lande bedeutet damals acht Jahre Unterricht, Berücksichtigung der erforderlichen Mitarbeit in der elterlichen Landwirtschaft und die Unterrichtung mehrerer Jahrgänge in einem Raum durch einen Lehrer. Für alle acht Klassen gibt es nur einen einzigen Raum, alle bekommen denselben Stoff vermittelt. Früh kommen die älteren Jahrgänge dran, danach die jüngeren. Es gibt auch nur einen Lehrer, einen Lehrer:

Ein Dorfschullehrer in der einklassigen Volksschule hat alles unterrichtet, von der ersten bis zur achten Klasse, ob Deutsch, ob Rechnen, ob Geschichte, etwas Physik. Chemie hatten wir gar nicht. Es waren alle Klassen da. die Großen gingen früh um acht. Die ersten und zweite Klasse kam um zehn und sind dann länger geblieben. Die Großen mussten dann schon zu Hause in der Landwirtschaft helfen. Kühe hüten, füttern, was alles zu anfiel. Noch vor der Schule mussten die Kühe gemolken werden. Abends wieder. Dann musste die Milch auch geschleudert werde.

Es gibt auch Sportunterricht. Im 60m-Lauf messen sich die Mädchen auf der sandigen Straße zum Nachbarort Sawall. Sie üben sich außerdem im Schlagballweitwurf und im Hochsprung, sie spielen Völkerball.

In den ersten beiden Jahren schreibt meine Mutter noch auf einer Schiefertafel, erst danach gibt es Hefte. Das Thema ihres ersten Aufsatzes ist ihr noch gut in Erinnerung: "Wie Berthold Schwarz das Schießpulver erfunden hat".

Ganz besonders gern hat meine Mutter die Musik, auch wenn sie darin "nur" eine Zwei erhält. Damals hat der Gesang noch einen ganz anderen Stellenwert als heute. Ein Instrument kann auf dem Lande kaum jemand spielen. Tanz mit Kapelle ist auch nicht jeden Tag. Das Radio ist gerade erst erfunden, Fernseher gibt es noch nicht. So gibt es vor allem die Musik, die man selbst macht.

Mit dem Musikunterricht ist für meine Mutter allerdings auch ein unangenehmes Erlebnis verbunden. Der Lehrer, der zugleich der Organist der Kirche ist und den Chor leitet, teilt seine Klasse zum Singen in zwei Stimmen ein. Meine Mutter muss mit zwei anderen Mädchen die zweite Stimme singen. Sie singen etwas falsch und müssen vor ans Katheder, noch einmal singen. Als das wieder daneben geht erhält, jedes der drei Mädchen eine kräftige Ohrfeige.

Ob es danach besser ging, weiß ich nicht mehr.

Schulzeugnis
Schulzeugnis
Rückseite
Rückseite
Passfoto
Passfoto