Maria Trunschke - Spurensuche mit meiner Mutter, Kapitel 3 Nazizeit und Kriegsende

Im Landjahrlager

Meine Mutter muss - wie fast alle Mädchen aus ihrer Gegend - nach der Konfirmation ins Landjahr. Das Landjahr haben die Nationalsozialisten aus dem arbeitsmarktpolitischen Angebot in der Weimarer Republik zum neunmonatigen Pflichtdienst umgewandelt, den Jungen und Mädchen nach dem Schulabschluss der achten Klasse in der Landwirtschaft ableisten müssen. Sie werden in sogenannte Landjahrlager eingezogen. Das sind meist alte Gutshöfe oder verlassene Kasernen.

Meine Mutter ist von April 1943 bis zum Frühjahr 1944 in Neuholland, einem Dorf in der Nähe von Oranienburg, das heute Stadtteil von Liebenwalde ist.

Nach dem Landjahrlager ist meine Mutter richtig dick. Elf Kilo nimmt sie dort zu. Fern von der Familie und wenig Ablenkung führen dazu, dass sich die jungen Mädchen auf das Essen konzentrieren. Die Kriegssituation wird ein Übriges getan haben.

Bei der Arbeit im Landjahrlager
Bei der Arbeit im Landjahrlager
Ansichtskarte von Neuholland
Ansichtskarte von Neuholland
Ansichtskarte vom Landjahrlager
Ansichtskarte vom Landjahrlager

 

Neuholland war ein sehr großes Dorf. Jeder dort ansässige Bauer hatte einen Hof mit etwa 200 Morgen Land um sich. Auf diesen Höfen haben wir dann tagsüber gearbeitet. An den Abenden hatten wir "Formationserziehung". Das hieß, es gab Appelle, Gemeinschaftsabende, militärische Vorübungen, sportliche Ertüchtigungen und politische Bildung. Generell herrschte in den Landjahrlagern ein strenges Regime vor. Man kann auch sagen, wir wurden gedrillt. Wehe, wenn die Hemden und Blusen nicht genau auf eine Breite von 20 cm gelegt wurden oder sich im Kamm noch ein einziges Haar befand.

Aber unser Alltag war nicht nur dadurch, sondern auch durch den näher rückenden Krieg bestimmt. Berlin, die Bomben und die Eisenbahnflak waren nahe.

 

Beim Erbsenreiser stecken
Beim Stecken von Erbsenreiser
Märchenspiel
Märchenspiel "Dornröschen"
Beim Kartoffeln lesen
Beim Kartoffelnlesen

 

 

Beim Schrubben der Waschschüsseln
Beim Schrubben der Waschschüsseln
Bergfest
Bergfest

 

Im Landjahrlager kommen die jungen Mädchen auch mit gefangenen sowjetischen Offizieren aus Sachsenhausen und anderen KZ-Häftlingen in Berührung. Man spürt, wie sehr meine Mutter bis heute mit ihrem damaligen Nichthandeln hadert:

Als die Nazis an die Macht kommen ist meine Mutter vier, zu Beginn des größten aller bisherigen Kriege gerade einmal zehn Jahre alt. Am Ende des Krieges ist sie sechzehn. Sie ist mit der menschenverachtenden Ideologie der Nazis erwachsen geworden, war im Landjahrlager, beim Bund deutscher Mädel und war sicher stolz auf ihren Onkel, den Wehrmachtsgeneral Paul Gurran, von dem gleich noch zu erzählen sein wird. In ihrer unmittelbaren Familie gibt es keinen Wiederstand, aber nach allem, was ich erfahren konnte, gibt es auch keine glühenden Anhänger der Nazis.

Auf jeden Fall habe ich meine Mutter immer als anderen Völkern gegenüber aufgeschlossene Frau erlebt. Als eine der ersten Deutschen fahren wir wieder nach Polen, machen Urlaub in diesem schönen Land, haben dort Freunde und ich sogar einen Patenonkel. Fremdenfeindlichkeit existierte in meiner Familie nicht einmal als abzulehnender Begriff.

Der General

General 1
Paul Gurran
Einer der Brüder von Fritz Gurran, dem Vater meiner Mutter, geht 1908 als Freiwilliger in die Unteroffiziers-Vorschule in Annaburg und wird Soldat. Da der älteste Sohn traditionsgemäß den Hof erbt, müssen die anderen Geschwister andere Berufe ergreifen. Viele Möglichkeiten gibt es damals nicht. Drei Brüder werden Lehrer, einer eben Berufssoldat.

Paul Gurran, geboren am 11. Januar 1893 in Zaue (nicht in Zauche, wie oft zu lesen), bleibt nach dem ersten Weltkrieg bei der Reichswehr, beim sogenannten 100.000-Mann-Heer. Später dient er unter Hitler, nimmt an den Überfällen auf Polen, Frankreich und Rußland teil und belagert Leningrad. Paul Gurran dient sich hoch, wird Oberst, später Generalmajor, postum Generalleutnant. 1941 erhält er das Ritterkreuz.

Ihm verdankt meine Mutter die besondere "Ehre" im Landjahrlager, für die Sicherung der Akten bei Luftangriffen verantwortlich zu sein.

In meiner Familie erhalten sich nur bruchstückhaft Erinnerungen an ihn. Über vieles wird während des Krieg nicht gesprochen, schon gar nicht im Beisein der Kindern, und auch danach ist es ein Tabuthema. Eine dieser vagen Erinnerung besagt, dass Paul Gurran einerseits gegen die Belagerung Leningrads und statt dessen für die Einnahme der Stadt ist. Immerhin gilt die Belagerung (statt der Einnahme) und damit das Aushungern und Vernichten der Leningrader Bevölkerung heute zurecht als eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Andererseits sollen die Russen mittels Megaphon über die Schützengräben hinweg rufen, dass sie "auch den Strategen Gurran noch bekämen".

Der stolze Vater mit seinen beiden Söhnen Friedrich-Wilhelm und Karl-Heinz, Elbing im Februar 1942
Der stolze Vater mit seinen beiden Söhnen Friedrich-Wilhelm und Karl-Heinz, Elbing im Februar 1942
Eine andere Erinnerung oder vielleicht nur Legende oder Wunsch besagt, dass er wohl kein Anhänger Hilters ist. Es deutet jedoch eher auf gekränkte Berufsehre, wenn er geschimpft haben soll, dass die Armee kämpfen müsse, den Ruhm jedoch die SS einstecke. Doch irgendwie soll er auch zur Verschwörung des 21. Juli gehören. Denkbar wäre es. Soldat durch und durch erkennt er sehr frühzeitig, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Auffällig viele der tatsächlichen Verschwörer kommen außerdem aus dem Infanterie-Regiment 9 der 23. Infanterie-Division, deren Kommandeur er vom 01. September 1943 bis zu seinem Tod ist. In dieses Bild passt auch, dass er, wenn er denn mal zu Hause in Zaue ist, sich regelmäßig mit seinem Bruder in ein Zimmer einschließt. Auch nachts schlafen die beiden in diesem Zimmer, um sich ungestört austauschen zu können.

Falls das alles stimmt, so verhindert Paul Gurran vielleicht wider Willen ein Attentat auf Hitler. Baron Axel von dem Bussche-Streithorst plant noch vor dem tatsächlich durchgeführten Attentat durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg zweimal ein Attentat auf Hitler. Er will bei einer Vorführung von neuen Uniformen eine Handgranate zünden und Hitler umarmen. Beim ersten Mal wird zuvor der Zug mit den neuen Uniformen durch die Aliierten bombardiert und die Vorführung abgesagt. Beim zweiten Mal entscheidet Paul Gurran, der Vorgesetzte von Bussche-Streithorst, dass dieser nicht zu dieser Präsentation von Uniformen fahren darf. Jedenfalls findet sich auf einer englischsprachigen Webseite der folgende Hinweis:

By January 1944, another overcoat was ready for Hitler’s approval. Stauffenberg called on Bussche-Streithorst again, according to Gowrie. Once more, he agreed to blow himself and Hitler to pieces.

Again, their plans were thwarted. Bussche-Streithorst’s division commander, Major General Paul Gurran, who knew nothing of the plot to kill Hitler, refused to allow Bussche-Streithorst to go. “My officers are not mannequins,” Gowrie quoted Gurran.

Laut meiner Mutter passt der Ausspruch von Paul Gurran, "Meine Offiziere sind keine Mannequins", zu seiner schnörkellosen soldatischen Haltung.

Merkwürdig sind auch die Umstände seines Todes. Er erleidet, von einem heftigen Streit mit seinem Vorgesetzten Keitel kommend, einen Schlaganfall. So die Information in der Familie. Im Internet ist dagegen zu lesen: "Nach einer schweren Verwundung stirbt Paul Gurran am 22. Februar 1944 im Lazarett in Majewo." Und dann gibt es noch die angebliche Aussage verwundeter Soldaten im Lazarett, man solle ja nicht glauben, dass mit seinem Tode alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Begraben ist er jedenfalls in Majewo. Als General würde er eigentlich nach Deutschland überführt werden, doch er will bei den Soldaten liegen, mit denen er gekämpft hat.

Dieser Paul Gurran beeinflusst nicht nur im Landjahrlager das Leben meiner Mutter, sondern indirekt und weit dramatischer in den letzten Tagen des Krieges.

Kriegsende in Zaue

Am 26. April 1945 erreicht die Rote Armee das kleine Dorf Zaue am Schwielochsee:

Der Vater meiner Mutter, der Bürgermeister des Ortes, übergibt Zaue kampflos den Russen und rettet damit sicher viele Leben auf beiden Seiten. Für die Faschisten ist er jetzt jedoch ein Verräter und Volksfeind, mit dem entsprechend zu verfahren ist. Im April '45 soll er erschossen werden:

Der ganze Wahnsinn dieser Kriegs- und Nachkriegszeit trifft jetzt auch das Dorf Zaue und die Familie meiner Mutter. Geblendet von der Propaganda der Nazis bildet sich eine Wehrwolfgruppe. Die Folgen sind dramatisch. Zwang und Druck nach diesem Krieg sind gewaltig - und lassen Opfer zu Täter und Täter zu Opfer werden. Mit dem Abstand der Jahre ist man wohl gut beraten, sich eines schnellen Urteils zu enthalten, und alles dafür zu tun, dass Menschen nie wieder zu solchen Handlungen veführt, nie wieder vor solche Entscheidungen gestellt  werden:

Auch für meine Mutter führt diese Beerdigung zu einem der dramatischsten Momente ihres Lebens.

Das Vertrauen des Vaters

Ihr Vater ist in die Sache verwickelt. Er ist der Bürgermeister und Standesbeamte des Ortes. Als Standesbeamter ist er nicht nur für Hochzeiten, sondern auch für Geburten und Beerdigungen zuständig. Auch für die Beerdigung eines Opfers der Wehrwolfgruppe. Hinzu kommt, dass er nicht nur der Bruder des Wehrmachtsgenerals Paul Gurran ist, sondern - um unter den Nazis Bürgermeister bleiben zu können - Mitglied der NSDAP. Das alles hat tragische Folgen:

Minuten lang kann meine Mutter nicht weitererzählen. Angesichts des sicher geglaubten Todes vertraut der Vater alles ihr an. Er lädt seiner mittleren Tochter, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal volljährig ist, die Verantwortung für einen mittleren Bauernhof auf. Ihr, nicht der älteren Schwester, nicht der jüngeren, die später tatsächlich den Hof übernimmt. Vertrauen und Bürde lasten noch heute schwer auf meiner Mutter.

Zum Glück kommt es anders. Ehemalige Fremdarbeiter und auch Einwohner von Zaue sagen für Fritz Gurran aus. Schon nach wenigen Tagen darf er wieder nach Hause. Das Schicksal will es, dass er zweimal erschossen werden solle, erst von den Deutschen, dann von den Russen. Beide Male überlebt er mit sehr viel Glück. Es hätte auch anders kommen können.

Die Kinder des Generals

Das ist der zweite Moment in der Biographie meiner Mutter, bei denen das Herz stockt, auch wenn sie in diesem Fall selbst nicht direkt betroffen ist.

Die Familie des Onkels Paul Gurran lebt in Ostpreußen, bis sie vor der heranrückenden Roten Armee fliehen muss. Die Frau des inzwischen gefallenen Generals kommt im Januar 1945 mit ihrer Mutter und ihren Kindern nach Zaue, zum ersten Mal überhaupt. Bis dahin hatte Paul Gurran, so vermutet meine Mutter, das bewusst verhindert. Seine Frau Irmgard ist entsetzt, wie klein der Hof tatsächlich ist, von dem ihr Mann stammt.

Die Söhne von Paul Gurran
Die Söhne des Generals

Die beiden Jungs auf diesem Foto sind die Söhne des Generalleutnants Paul Gurran, von dem schon zu berichten war. Auf der Rückseite des Fotos hat meine Mutter ihr Schicksal notiert:

Friedrich-Wilhelm und Karl-Heinz Gurran

Kinder von Paul und Irmgard Gurran

Von der Mutter am 26.4.45 erschossen

Grund: Einmarsch der Roten Armee in Zaue

Schlagartig wird der ganze, vom deutschen Faschismus ausgelöste Wahnsinn in meiner Familie sichtbar. Irmgard Gurran erschießt nicht nur ihre Söhne, sondern auch ihre Mutter und sich selbst. Ganz sicher hätte sich die Rote Armee für die Familie des "Strategen von Leningrad" interessiert. Wer weiß, wie ihr Schicksal weiter verlaufen wäre. Doch von der eigenen Mutter erschossen zu werden ist sicher die schrecklichste aller "Lösungen".

Die Russen auf dem Hof

Aufgewachsen in einer typischen DDR-Familie waren für mich die sowjetischen Soldaten immer die Befreier und die Freunde. Das sind sie für mich noch immer, selbstverständlich, auch wenn ich längst die anderen Seiten der Befreiung zur Kenntnis nehmen musste.

Meine Mutter kommt nicht nur bei deren Einmarsch in Zaue mit der Roten Armee in Kontakt. Noch intensiver ist dieser, als die Einheiten auf dem Rückweg nach Moskau in Zaue einen Zwischenstopp einlegen. Wie fast alle Bauernhöfe muss auch der Gurransche Hof Einquartierungen hinnehmen. Es sind 60 junge Burschen, die natürlich die drei Mädchen auf dem Hof nach besten Kräften necken: