Maria Trunschke - Spurensuche mit meiner Mutter, Kapitel 4 Nachkriegszeit und Lehrjahre

Neue Lebenslust nach dem Krieg

Im Krieg war Tanzen verboten gewesen. Doch jetzt, da das große Morden und Sterben aufgehört hat, drängt es die jungen Menschen nach Bewegung und Begegnung. Die ersten jungen Männer kehren aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Im Herbst '45 gibt es die ersten Tanzveranstaltungen, die ersten Tanzveranstaltungen seit Jahren.

Das Leben geht weiter. Lachen und Vergnügen helfen zu verdrängen. Alte Bräuche wie Fastnacht und Ostersingen werden wieder belebt.

Fastnacht

Fastnacht wird bis heute in den Dörfern der Lausitz gefeiert. In dem kleinen Dörfchen im sorbischen Siedlungsgebiet gehört Fastnacht zu den wichtigsten Vergnügungen. Es gibt Kinderfastnacht, Jugendfastnacht und Männerfastnacht. Erst Nazizeit und Krieg bringen eine Unterbrechung.

Die Zauer Jugend zieht verkleidet durch den Ort zum Zampern. Sie gehen von Haus zu Haus, in die Häuser hinein und verlangen kleine Gaben, vor allem Eier, Speck und Schnaps. Dann, beim sogenannten "Eierkucheball" werden die eingesammelten Sachen gemeinsam verspeist. Man sitzt beeinander und schwatzt.

Die Lust am Verkleiden scheint besonders ausgepägt zu sein. Eine Cousine meiner Mutter bringt die anderen immer wieder auf neue Ideen:

Zauer Zigeunertruppe
Zauer "Zigeunertruppe" 1
Maria Gurran
Maria Gurran
Zigeunerinnen
"Zigeunerinnen"
Versteckspiel
Versteckspiel?
Posieren für's Foto
Posieren für's Foto
Zauer Zigeunertruppe 2
Zauer "Zigeunertruppe" 2
Zauer Zigeunertruppe 3
Zauer "Zigeunertruppe" 3
Gespielte Anbetung
Gespielte Anbetung
Zigeunergeiger
"Zigeunergeiger"

Fastnacht 1
Fastnacht 1
Fastnacht 2
Fastnacht 2
Fastnacht 3
Fastnacht 3
Fastnacht 4
Fastnacht 4
Fastnacht 5
Fastnacht 5
Fastnacht 6
Fastnacht 6
 

Im Rückblick erscheint es mir, als ob jeder nur irgendwie geeignete Anlass genutzt wird, sich zu amüsieren. Es gibt nur die Unterhaltung, die man selbst organisiert. Hinzu kommt, dass man auf dem Dorf weniger unter dem Mangel an Nahrungsmitteln zu leiden hat als im sonstigen Nachkriegsdeutschland.

Ganz offensichtlich gibt es auch Kostümwettbewerbe. Über einen freut sich meine Mutter bis heute diebisch:

Wilhelm und Maria
Maria und Wilhelm
Inge und Maria
Maria und Inge
Als Schlittschuhläufer
Als Schlittschuhläufer

Stollenreiten

Stollenreiten 1947
Stollenreiten 1947
Siegerpferd Hans
Siegerpferd Hans
Ein besonders eindrucksvoller dieser wieder auflebenden Bräuche ist das Stollenreiten, ein in der Niederlausitz bis Mitte des vorigen Jahrhunderts jeweils nach der Ernte gepflegter Brauch. In abgewandelter Form wird er heute noch in den sorbischenSiedlungsgebieten gepflegt. Dabei zieht die Jugend - oft nach dem Kirchgang - gemeinsam aus dem Dorf hinaus auf die Felder. Die Jungen reiten auf ungesattelten Pferden über die staubigen Felder. Auf einer etwa 500 Meter langen Strecke werden die schnellsten Reiter bzw. Pferde ermittelt. Dem Sieger wird als Hauptpreis ein prächtiger geschmückter Stollen überreicht, dem Pferd wird ein großer Eichenkranz umgehängt. Noch heute ist meine Mutter stolz, dass das Siegerpferd oft der ihr Hans war (auf dem Foto oben mit den beiden Schwestern Irmgard und Maria). Das Fest klingt am Abend mit gemeinsamem Tanzen aus, zuerst auf dem Dorfplatz, später im Gasthaus.

Stollenreiten 1947
Stollenreiten 1947
Tanz auf dem Dorfplatz 1
Tanz auf dem Dorfplatz 1
Tanz auf dem Dorfplatz 2
Tanz auf dem Dorfplatz 2

 


Zur Ausbildung nach Cottbus

Der Lehrer meiner Mutter will, dass sie auf's Gymnasium nach Lübben geht. Doch zum ersten Mal zieht meine Mutter, die in ihrem jungen Leben so oft von zu Hause weg war, es vor, bei ihren Eltern zu bleiben. Eine Entscheidung die ich als ihr Sohn noch heute bedauere. Doch letztlich bleibt sie nicht für immer auf dem elterlichen Hof. Sie will selbständig sein.

Am 1. August 1954, mehr als zehn Jahre nach ihrem Schulabschluss, geht sie als Schwesternschülerin an der Medizinischen Fachschule nach Cottbus.

Als Schwesternschülerin
ganz rechts
Als Schwesternschülerin
Schwesternschülerinnen
Als Schwesternschülerin
Zum Unterricht

Die Ausbildung dauerte zwei Jahre. Ich hatte große Angst, weil ich zehn Jahre nichts mehr für die Schule oder für irgendetwas getan habe, bei dem ich mich anstrengen musste, geistig anstrengen musste. Ich hatte fürchterliche Angst, dass ich das nie packe.

Aber bald kamen die ersten Erfolge:

Zwischenzeugnis
Zwischenzeugnis
Zwischenzeugnis
Zwischenzeugnis
Abschlusszeugnis
Abschlusszeugnis
Abschlusszeugnis
Abschlusszeugnis
Meine Mutter gehört sehr bald zu den besten Schwesternschülerinnen ihres Jahrganges und bekommt nicht nur wie alle ein Stipendium (90 Mark), sondern zusätzlich sogar ein Leistungsstipendium: 30 Mark. Zum Vergleich: Ein Stück Butter kostet 5 Mark.

Nach einer längeren Krankheit und der damit verbundenen Pause vom Unterricht fällt es ihr schwer, den Stoff aufzuholen und an die bisherigen Leistungen anzuknüpfen. Das Abschlusszeugnis fällt nicht ganz so gut wie das Zwischenzeugnis aus.

Dennoch, auf ihre damalige Leistung ist meine Mutter bis heute stolz. Zu recht!

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Album 14
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Mit dem Bus zur Ernte
Mit dem Bus zur Ernte
Kartoffellese 1
Kartoffellese 1
Kartoffellese 2
Kartoffellese 2
Gruppenfoto
Gruppenfoto
Im Wohnheim
Im Wohnheim

Auf der Rückseite der Kinderfotos oben notierte meine Mutter liebevoll die Vornamen der abgebildeten Kinder, z.B. Marlise, Elke, Ralf-Detlef, Horst, Ingolf, Dieter, Hannelore, Joachim, Manfred, Gabriele, Renate, Peter und Ulli. Entstanden sind die Aufnahmen im Februar 1955 auf der Station II im Säuglingsheim.

Die drei anderen Fotos zeigen die Krankenschwesternklasse meiner Mutter, die 1 b mit Dr. Kunze bzw. mit Dr. König im April desselben Jahres.

Zur Ausbildung gehört auch ein zweiwöchiger Einsatz in der Kartoffelernte. Mit einem Bus werden die Schwesterschülerinnen nach Schorbus oder Dissen gebracht. In der Erinnerung meine Mutter sind das lustige Tage, die dem Mangel an Arbeitskräften geschuldet sind, aber auch viel zum persönlichen Kennenlernen der jungen Frauen beitragen.