Maria Trunschke - Spurensuche mit meiner Mutter, Kapitel 7 Polnische und andere Freundschaften

Mein polnischer Patenonkel
Mein polnischer Patenonkel
Mir fällt es schwer, Fremdenfeindlichkeit auch nur zu verstehen. Dazu beigetragen hat ganz sicher auch der offene Umgang meiner Eltern mit Polen, ihre Neugier und Aufgeschlossenheit.

Der Kontakt zu Polen ist selbstverständlicher Teil meiner Kindheit und Jugend. Wir sind oft in der Stadt Poznań und in dem kleinen Dorf Gronów, dem Heimatdorf meines Vaters, zu Besuch. Wir machen mit polnischen Freunden gemeinsam Urlaub, mal in der Hohen Tatra, mal an der Ostsee. Polen sprechen anders, auch sonst ist manches anders, aber sie sind nie Fremde für mich. Ich habe sogar einen polnischen Patenonkel: Josef Polakowski. All das verdanke ich meinen Eltern.

Mein Vater hat über seine Begegnungen, Kontakte und Freundschaften nach Polen sogar ein Buch geschrieben:

Das linke Buch ist im REGIA VERLAG erschienen und auch bei amazon erhältlich. Das andere gibt es nur als limitierte Auflage im Eigenverlag.

In der alten Heimat zu Hause

Der treibende Partner ist mein Vater, über dessen sportlichen Kontakte die ersten Freundschaften zustande kommen. Er ist auch einer der ersten Deutschen überhaupt, der nach dem Krieg die Verbindung zu den neuen Bewohnern seines jetzt im Polnischen liegenden Elternhauses sucht. Zunächst vorsichtig hält er bei einer Fahrt durch seinen Heimatort Gronów an. Später nimmt er seine Frau mit, noch später uns Kinder. Bald lernen meine Eltern Dorfbewohner kennen, die deutsch können. Sogar eine Deutsche, die mit einem Polen verheiratet ist, ist darunter. Bei ihr und ihrem Mann, Róza und Franciszek Wyspianski, sitze ich das erste Mal auf einem Pferd und "helfe" beim Hüten der Kühe. Als Kind spiele ich mit den polnischen Kindern. Im Herbst gehe ich mit meinem Eltern in den Wäldern um Gronów "in die Pilze". Mein Vater kennt noch ein paar gute Stellen von früher her.

Elternhaus vor 1945
Elternhaus vor 1945
Lepaks Haus 1960
Lepaks Haus 1960
Andreas in Grunow
Andreas in Gronów
Auf dem Hof
Auf dem Hof
Wyspianskis
Wyspianskis

Bis heute gibt es zwischen der Familie Lepak, der jetzt Haus und Hof meiner Großeltern gehören, und meinen Eltern einen sehr engen, sehr familiären Kontakt. Als die Enkelkinder heitraten, sind meine Eltern dabei. Mein Vater ist in seinem Geburtsort Gronów, dem früheren Grunow, bzw. in der Gemeinde Dąbie (Lebus), deren Bestandteil Gronów heute ist, sogar Ehrenbürger. In der dortigen Schule verteilt er im Namen weiterer ehemaliger deutscher Bewohner jedes Jahr zu Weihnachten kleine Päckchen. Er fördert den europäischen Gedanken, wo und wann er nur kann. Meine Eltern kümmern sich um die Verständigung der früheren und der heutigen Bewohner des Ortes.

Deutscher Weihnachtsmann
Deutscher Weihnachtsmann
Europabaum in Grunów
Europabaum in Grunów
Familiäre Freundschaft
Familiäre Freundschaft
Freundschaftstreffen 2006
Freundschaftstreffen 2000

Gleich bei den ersten Begegnungen 1960 und 1961 macht mein Vater ein paar Filmaufnahmen, die heute vor allem historischen Wert haben:

Mein polnischer Patenonkel, Urlaube in Polen

Mein Patenonkel
Mein Patenonkel
Vielleicht noch wichtiger sind die Beziehungen zu der Familie meines Patenonkels Josef Polakowski. Eigentlich lernte mein Vater zuerst dessen Frau Halina Polakowska kennen, die in der polnischen Basketballnationalsmannschaft spielt. Ich selbst erinnere mich mehr an meinen Patenonkel, schon deswegen, weil er gut deutsch sprach, während seine Frau das Deutsche höchstens so beherrschte wie meine Eltern und ich das Polnische.

Mein Vater ist wohl auf die Idee mit der Patenschaft gekommen, jedenfalls erinnert sich meine Mutter daran, dass das die beiden Männer ausgehandelt haben. Ich bin jedenfalls immer stolz darauf, einen Polen als Patenonkel zu haben. Das hat schließlich nicht jeder...

Mehrere Sommer lang verbringen wir die Sommerurlaube gemeinsam. An der Ostsee in Świnoujście, in der Hohen Tatra, in Poznan. Dort spiele ich oft mit den polnischen Kindern. Wir verstanden uns hervorragend, auch ohne Worte. Meine Eltern fahren mit mir, später auch mit meiner Schwester oft zu den Polakowskis. Sie kommen genauso oft zu uns. Wir tauschen die Güter, die in dem jeweils anderen Land gerade Mangelware sind.

Auf dem Sessellift
Auf dem Sessellift
Rast
Rast
Wanderung
Wanderung
Sonnenbad
Sonnenbad
Blaubeeren mit Sahne?
Blaubeeren mit Sahne?
Aufstieg
Aufstieg
In der Hohen Tatra
In der Hohen Tatra
Meine Eltern
Meine Eltern
Mit Josef und Halina (re.)
Mit Josef und Halina (re.)

Dabei haben meine Eltern nicht nur zu den Polakowskis Kontakt. Ähnlich enge Freundschaften pflegen sie mit zwei von deren Freunden. Onkel Leo ist mir aus meiner Kindheit vor allem deswegen in Erinnerung, weil er uns immer mit großen Mengen an getrockneten Pilzen versorgte. Eine Leidenschaft, die ich mit ihm teile.

Doch auch wenn mein Vater der Treibendere von beiden ist, ohne meine Mutter wären unsere Freundschaften kaum so geworden, wie sie wurden. Sie ist selbst aufgeschlossen, sie lernt die ersten polnischen Vokabeln. Sie kümmert sich um Gastgeschenke und vieles, vieles mehr. Wir alle verleben immer wieder wunderbare Zeiten in Polen. Besser als meine Mutter könnte ich das kaum wiedergeben, was Land und Leute für uns bedeuteten:

Die bulgarische Tante

Neben der polnischen Verbindung gibt es auch eine bulgarische. Zum Jahreswechsel 1959/1960 fährt mein Vater mit meiner Mutter nach Sofia und ins Rila-Gebirge. Meiner Mutter ist das gar nicht recht. Immerhin bin ich noch kein halbes Jahr alt. Aber meine Eltern lassen mich wohlbehütet bei den Großeltern in Zaue zurück.

Auf dieser Reise lernen sie Dimitrina Dontschowska kennen. Sie war während des Krieges als freiwillige Arbeiterin in der Seifenfabrik in Finsterwalde, und sucht jetzt Gelegenheiten, deutsch zu sprechen und nach Deutschland zu fahren. Sie freunden sich an. Und jedes Mal, wenn Tante Didi, wie wir sie der Kürze halber nennen, in die DDR kommt, besucht sie neben Finsterwalde und Leipzig auch uns in Cottbus.

Mir ist sie vor allem wegen eines Spruches in Erinnerung geblieben. Während bei uns gern auch frischer Salat aus dem Garten gegessen wurde, lehnte Tante Didi das völlig ab, mit der einprägsamen Frage:

Bin ich Kuh, muss ich essen Gras?

Der Kontakt hält bis in die frühen 90er Jahre, dann bricht er ab. Nach der Wende in Bulgarien ging es ihr sehr schlecht. Das Geld reichte kaum für Ernährung und Heizung. Meine Mutter versuchte, ihr ab und zu etwas zu schicken. Aber bei einem der letzten Telefonate meint meine bulgarische Tante, dass das keinen Zweck hätte, es käme ja doch nichts an. Als stets nur noch ein fremder Mann an das Telefon geht, der kein deutsch kann, ist der Kontakt zu Ende.